
{"id":1403,"date":"2025-06-07T18:27:19","date_gmt":"2025-06-07T17:27:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.living-lexicon.at\/sudelbuch\/?p=1403"},"modified":"2025-06-08T07:39:42","modified_gmt":"2025-06-08T06:39:42","slug":"abschied-von-tiger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.living-lexicon.at\/sudelbuch\/literatur\/1403\/abschied-von-tiger\/","title":{"rendered":"Abschied von Tiger"},"content":{"rendered":"<p>Es war 2007, am Samstag vor Pfingsten. W\u00e4hrend ich mit Vorbereitungen f\u00fcr das Fr\u00fchst\u00fcck besch\u00e4ftigt war, h\u00f6rte ich immer wieder ein Ger\u00e4usch von drau\u00dfen, das wie ein Miauen klang. Ich ging ins Freie und postierte mich vor dem halbverfallenen Nebengeb\u00e4ude, woher das Ger\u00e4usch zu kommen schien, es war aber nichts mehr zu h\u00f6ren. Das Spiel wiederholte sich noch zwei-, dreimal, bis es mir zu m\u00fc\u00dfig wurde, weil ich endlich die Schnittlauchbrote f\u00fcrs Fr\u00fchst\u00fcck fertigmachen wollte.<br \/>\nAls ich dann mit meiner Frau Martina beim Fr\u00fchst\u00fcck sa\u00df, erz\u00e4hlte ich ihr von dem seltsamen Ger\u00e4usch. Sie quittierte meine Schilderung mit eher skeptischen Kommentaren, damit war das Thema vorerst erledigt.<br \/>\nNach dem Fr\u00fchst\u00fcck startete Martina ihre \u00fcbliche Runde durch den Garten, aber just, als sie am weitesten vom Nebengeb\u00e4ude entfernt war, vernahm ich das vermeintliche Miauen wieder. Ich rief durch den Garten: \u00bbDas Miauen ist wieder da!\u00ab Martina nahm schnurstracks Kurs auf das Nebengeb\u00e4ude, aber als sie dann neben mir stand, war das Ger\u00e4usch l\u00e4ngst wieder verstummt. Abermals bekr\u00e4ftigte Martina ihren Standpunkt, dass es sich lediglich um eine Halluzination handle, an der vielleicht ein zu ausgiebiger Heurigenbesuch am Vortag nicht ganz unschuldig sei. Damit gab ich es vollends auf, Martina die Vorstellung eines kleinen nach Hilfe schreienden K\u00e4tzchens plausibel zu machen und fuhr einkaufen.<br \/>\nAls ich dann eine halbe Stunde sp\u00e4ter vom Einkauf zur\u00fcckkam, erwartete mich eine \u00dcberraschung, die meine Wahrhehmungen best\u00e4tigte: Martina sa\u00df auf den Steintreppen unserer Veranda, in der rechten Hand ein kleines Nuckelfl\u00e4schchen mit Milch, auf ihrem Scho\u00df ein kleines rotes K\u00e4tzchen, das so gierig an der Flasche saugte, dass Martina M\u00fche hatte, sie fest in der Hand zu behalten.<br \/>\n\u00bbUnd das\u00ab, sagte ich \u00bbist jetzt meine Halluzination?\u00ab<br \/>\nDas K\u00e4tzchen war offenbar durch die morschen Dachbodenbretter des Nebengeb\u00e4udes gebrochen und richtig auf den Kopf gefallen. Jedenfalls hatten wir jetzt ein neues Familienmitglied, dem wir den Namen \u00bbTiger\u00ab gaben.<br \/>\nTiger sollte ein recht umg\u00e4nglicher Kater werden, zutraulich bis zur Distanzlosigkeit, unkompliziert, ortstreu (Streunereien mit tagelanger Abwesenheit interessierten ihn nicht), und auch ein bisschen eigensinnig. Wenn man ihm eine volle Wassersch\u00fcssel hinstellte, leckte er doch lieber an den Regentropfen, die gerade vom Gartensessel troffen, unter dem er lag.<br \/>\nAchtzehn Jahre sp\u00e4ter, am Samstag vor Pfingsten, waren wir ernsthaft besorgt um Tigers Wohlergehen. Er war schon einige Tage zuvor nicht zum Futterplatz gekommen, Martina hatte ihm das Futter zu seinem Lieblingsplatz getragen, an dem er oft den ganzen Tag lag. Er hatte eine ausgepr\u00e4gte Flankenatmung, man konnte sehen, dass sich das Tier schwer tat, Luft zu bekommen. Er reagierte aber immer noch auf Ansprache (tats\u00e4chlich war er bis jetzt die einzige Katze, die auf ihren Namen h\u00f6rte, so kam es uns jedenfalls vor).<br \/>\nStunden sp\u00e4ter lag Tiger unter einem Gartenstuhl mit offenem Maul und rausgestreckter Zunge, es war jetzt noch offensichtlicher, dass er kaum mehr atmen konnte. Er reagierte noch auf Ansprache, lie\u00df sich streicheln, aber er musste wohl leiden. Deshalb telefonierte Martina die Tier\u00e4rztinnen in der N\u00e4he durch. Eine sagte zu, sie k\u00f6nne in etwa anderthalb Stunden vor Ort sein.<br \/>\nKeine f\u00fcnf Minuten nach diesem Telefongespr\u00e4ch h\u00f6rte ich es im Geb\u00fcsch neben dem Beet, in dem ich gerade versuchte, Ordnung zu machen, rascheln, dann Ger\u00e4usche, die nach Husten oder Antiperistaltik klangen. Tiger lag nicht mehr unter dem Gartenstuhl, unter dem er die ganze Zeit gelegen war. Ich \u00e4ugte in das Geb\u00fcsch, und dort lag er, er zuckte etwas, auf seinen Namen reagierte er nicht mehr. Er zuckte, und dann aus. Angesichts des Todes ist wirklich alles l\u00e4cherlich.<br \/>\nUnkompliziert war dieses gute Tier bis zum Schluss. Es hat uns den Tierarzt erspart. Das kontrollierte Sterben war sicher auch nicht in seinem Sinn, und ein bisschen eigensinnig war Tiger ja. \u00bbAll I ask of living is to have no chains on me, and all I ask of dying is to go naturally.\u00ab hat er sich gedacht.<br \/>\nJetzt liegt er in unserem Garten, in dem er immer so gerne herumgewandert ist. Wir werden ihn nie, nie vergessen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.living-lexicon.at\/sudelbuch\/wp-content\/uploads\/Tiger-scaled.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-1404\" src=\"https:\/\/www.living-lexicon.at\/sudelbuch\/wp-content\/uploads\/Tiger-scaled.png\" alt=\"Tiger\" width=\"2560\" height=\"1704\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war 2007, am Samstag vor Pfingsten. W\u00e4hrend ich mit Vorbereitungen f\u00fcr das Fr\u00fchst\u00fcck besch\u00e4ftigt war, h\u00f6rte ich immer wieder ein Ger\u00e4usch von drau\u00dfen, das wie ein Miauen klang. Ich ging ins Freie und postierte mich vor dem halbverfallenen Nebengeb\u00e4ude, woher das Ger\u00e4usch zu kommen schien, es war aber nichts mehr zu h\u00f6ren. 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