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Navigation per Handy

Mittwoch, 16. Juli 2008 21:36

Im Zug. Stille. Dann steigt eine Frau mittleren Alters ein, eine typische ältere Tochter, gefährlich, weil sie bereits unüberhörbar mit ihrem Taschentelefon telefoniert. Mein Ruh‘ ist hin.

„Wo bist Du denn jetzt?“

……

„..Das Haus mit der grünen Fassade? Der Stierschneider? Das ist ja nicht grün, das ist türkis. Geh jetzt am Haus vorbei und rechts in das kleine Gässchen, Rosinenweg, dann kommt ein kleines Brückerl ….“

……

„Wo bist Du denn jetzt? …“

……

„Das Haus mit der grünen Fassade? Der Stierschneider? Die Fassade ist türkis, nicht grün. Geh jetzt am Haus vorbei und dann rechts in die Rosinengasse, oder Rosinenweg, so irgendwie heißt der…Du hast Deine Brille nicht dabei…und auch keine Leiter?“

…..

„Da steht ‚Stierschneider‘ drauf…Nein, der heißt nur so, das ist kein Fleischhacker, das ist ein vegetarisches Restaurant….Was steht da drauf?…“

…..

„Also das Haus mit der grünen Fassade…nein, mit der türkisen Fassade, Du gehst vorbei…“

……

„…nein, keine türkische Fassade, eine TÜR-KI-SSSSE Fassade …. ja, Stierschneider, ….“

Ich richte mich etwas auf. Ich bebe. Ich weiß, alle werden mich anstarren, aber ich kann nicht anders:

„Vielleicht ist sie in der falschen STADT!“

Die Telefoniererin grinst mich kurz an, findet offenbar witzig, wodurch ich einen permanenten akustischen Affront zu beendigen glaubte. Sie grinst und telefoniert weiter.

Es ist nicht die falsche Stadt. Es ist der falsche Himmelskörper. Schießt sie auf den Mond, beide!

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Im Wartezimmer

Mittwoch, 18. Juni 2008 20:22

Ich dachte immer, im Wartezimmer eines Arztes sei Ruhe angebracht, aus Rücksicht auf die mehr oder weniger großen Leiden der Anwesenden. Das ist und war mir so selbstverständlich wie die Stille in einer Kirche, und ich habe das auch nie anders gekannt – bis ich heute in die Praxis der Vertretung meiner Hausärztin kam. Der Lärmpegel kam durchaus jenem eines Heurigen bei Hochbetrieb gleich, wenn er ihn nicht gar übertraf, und war vorwiegend verursacht durch mehr oder weniger sinnloses, aber meist gut verständliches Geschwätz, was die Sache noch unerträglicher machte.

„Da Schdeina is heid gschtuam!“

„Wooos? Naaa!“

„Des gibts jo ned, den hob i do gesdan nu xeng!“

Letzteres ist wohl die dämlichste Replik auf eine Todesnachricht, die mir je untergekommen ist (und sie hört nicht auf, mir unterzukommen), denn sie setzt offenbar voraus, daß jeder seinen Tod so mindestens zwei, drei Wochen vorher ankündigen muß – Todesanzeige im vorhinein: „Achtung, Achtung! Steiner Peppi gibt sich die Ehre bekanntzugeben, daß er in drei Wochen, das ist der 27. des Monats, aus diesem Leben abtreten wird. Es wird dies ein plötzlicher Tod nach kurzer, schwerer Krankheit werden. Begräbnis wird sein den 31., 14.00 Uhr, Leichenschmaus beim Koarl-Wirt. Ich freue mich auf Euer Kommen, meine Erben auf mein Gehen!“. Eine derartige Anzeige unterlassen, sich am Vortag seines Todes noch auf der Straße zeigen und dann aus heiterem Himmel einfach krepieren, das gilt nicht!

„Geh hearauf! Wos’d ned soxt!“

„Dawäu hoda nix graucht und nix drunga! Minn Rahl isa nu oiwei untawex gwesn!“

Tatsächlich? Auch Nichtraucher und Abstinenzler haben ein Ablaufdatum und sind keine Jünger des ewigen Lebens? Wie überraschend!

„Wia oid woara denn?“

„Zwaradochzg!“

„A so a junga Bua nu!“

Gott sei Dank wurde ich von der Ärztin aufgerufen, und der weitere Verlauf des Gesprächs blieb mir erspart.

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