Beiträge vom September, 2020

Ehe der Hahn drei mal drei mal drei mal drei mal kräht …

Montag, 21. September 2020 16:46

Ein Hahn ist in Ordnung. Zwei und mehr Hähne sind eine akusti­sche Tortur. Nicht dass sie einen vielleicht zu früh wecken würden: unsereiner ist um diese Zeit meist schon wach. Aber sie versauen einem mit ihrem jämmerlichen Gekrächze den Morgen. Je mehr Hähne, desto schlimmer, nicht etwa, weil sich die Lautstärke summieren würde. Nein, es ist das unabsehbare Ende des Gekrähes, denn das Krähen des einen Hahnes provoziert das Krähen des zweiten Hahnes, dessen Krähen das Krähen des dritten Hahnes provoziert und so weiter und so weiter.

In diese bedauerliche Situation kommt man zum Beispiel, wenn nahestehende oder nahewohnende Personen eine Hahn-Wahn (es reicht auch ein Hühnerwahn) haben. Im konkreten Falle würde nicht einmal die – noch nicht verwen­dete – Ausrede verfangen, man brauche das Gekrähe, um aufzuwachen. Denn weder ein noch zwei oder drei Hähne, ein, zwei oder drei Wecker, ein, zwei oder drei Nuklearwaffendetonationen in unmittelbarer Nähe könnten besagte Person mit dem Hahn-Wahn dazu bewegen, sich am Morgen aus dem Bett zu bewegen.

Schlimmer aber, noch viel schlimmer als das Krähen der Hähne sind die Imitate: wenn nämlich Leute, die grade sowohl in Hörweite  zum Gekrähe als auch in meiner Hörweite sind, selbst zu krähen versuchen. Das klingt erstens noch schreck­licher als das Originalgekrähe, und zweitens ist es meistens ein Indiz dafür, dass die Leute sonst nicht viel mehr zu sagen haben. Dessen eingedenk finde ich mich dann damit ab, dass die Hähne hier bleiben, wenn nur jene Leute sich möglichst rasch wieder entfernen – und sich möglichst weit entfernen.

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Weltanschaulicher Kommentar eines Hundes

Sonntag, 20. September 2020 18:17

Unser Hund ist dumm, saudumm, auch wenn das ein zoologisches Paradoxon sein mag. Aber er bellt die Kirchenglocken an. Soweit reicht sein kümmerlicher Verstand also doch, um gegen diesen Versuch der weltanschaulichen Infiltrierung zu protestieren, zumal sie mit einer entsprechenden Lautstärke einhergeht. Es ist nicht so , dass unser Hund alles anbellt, was Lärm macht. Das Anbellen der Kirchenglocken ist schon sehr selektiv. Und es ist nicht nur ein einfaches Anbellen, der Hund stürmt, schon bellend, mit sichtlicher Empörung zum nordwestlichen Ende unseres Gartens, jenem Punkt, von dem aus er den Verursacher des Lärms am besten im Blickfeld hat, hält abrupt inne und intensiviert sein Bellen. Ich gehe davon aus, dass der Hund weltanschaulich neutral ist, so neutral, wie ein Hund nur irgend sein kann, und er somit nicht die spezielle Ausprägung des seligmachenwollenden Gebimmels bebellt, sondern das Seligmachenwollen an sich. Religion ist Privat­sache und soll auch privat bleiben, denkt sich der Hund, ver­schont mich mit euren Ding-Dong-Exzessen und Frömmigkeits­demonstrationen. Und soweit ich unseren Hund kenne, meint er das ernst mit seiner weltanschaulichen Neutralität. Er würde genauso gegen ein „Allahu akbar“-Gejodle Sturm bellen.

Mich selbst stört das Gebimmel nicht. Ich habe immer in Hörweite einer Kirche gewohnt. Mich rufen die Glocken nicht, mich stören sie aber auch nicht, ich habe mich daran gewöhnt wie an den täglichen Stuhlgang nach dem Aufstehen. Das kommt alles erst wieder ins Bewusstsein, wenn es einmal ausbleibt, obwohl das Ausbleiben wohl ausbleiben wird, denn auch nach zweitausend Jahren mehr oder weniger repressiven und menschenverachtenden Daseins hat die Kirche wohl ebenso wie andere ähnliche und um nichts bessere Institutionen – um beim Vergleich mit dem Stuhlgang zu bleiben – noch lange nicht ausgeschissen. Unverständlicher­weise. Da fällt einem nur Karl Kraus ein, nämlich das mit dem Stiefel und dem Absatz.

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