Ehe der Hahn drei mal drei mal drei mal drei mal kräht …

Montag, 21. September 2020 16:46

Ein Hahn ist in Ordnung. Zwei und mehr Hähne sind eine akusti­sche Tortur. Nicht dass sie einen vielleicht zu früh wecken würden: unsereiner ist um diese Zeit meist schon wach. Aber sie versauen einem mit ihrem jämmerlichen Gekrächze den Morgen. Je mehr Hähne, desto schlimmer, nicht etwa, weil sich die Lautstärke summieren würde. Nein, es ist das unabsehbare Ende des Gekrähes, denn das Krähen des einen Hahnes provoziert das Krähen des zweiten Hahnes, dessen Krähen das Krähen des dritten Hahnes provoziert und so weiter und so weiter.

In diese bedauerliche Situation kommt man zum Beispiel, wenn nahestehende oder nahewohnende Personen eine Hahn-Wahn (es reicht auch ein Hühnerwahn) haben. Im konkreten Falle würde nicht einmal die – noch nicht verwen­dete – Ausrede verfangen, man brauche das Gekrähe, um aufzuwachen. Denn weder ein noch zwei oder drei Hähne, ein, zwei oder drei Wecker, ein, zwei oder drei Nuklearwaffendetonationen in unmittelbarer Nähe könnten besagte Person mit dem Hahn-Wahn dazu bewegen, sich am Morgen aus dem Bett zu bewegen.

Schlimmer aber, noch viel schlimmer als das Krähen der Hähne sind die Imitate: wenn nämlich Leute, die grade sowohl in Hörweite  zum Gekrähe als auch in meiner Hörweite sind, selbst zu krähen versuchen. Das klingt erstens noch schreck­licher als das Originalgekrähe, und zweitens ist es meistens ein Indiz dafür, dass die Leute sonst nicht viel mehr zu sagen haben. Dessen eingedenk finde ich mich dann damit ab, dass die Hähne hier bleiben, wenn nur jene Leute sich möglichst rasch wieder entfernen – und sich möglichst weit entfernen.

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Weltanschaulicher Kommentar eines Hundes

Sonntag, 20. September 2020 18:17

Unser Hund ist dumm, saudumm, auch wenn das ein zoologisches Paradoxon sein mag. Aber er bellt die Kirchenglocken an. Soweit reicht sein kümmerlicher Verstand also doch, um gegen diesen Versuch der weltanschaulichen Infiltrierung zu protestieren, zumal sie mit einer entsprechenden Lautstärke einhergeht. Es ist nicht so , dass unser Hund alles anbellt, was Lärm macht. Das Anbellen der Kirchenglocken ist schon sehr selektiv. Und es ist nicht nur ein einfaches Anbellen, der Hund stürmt, schon bellend, mit sichtlicher Empörung zum nordwestlichen Ende unseres Gartens, jenem Punkt, von dem aus er den Verursacher des Lärms am besten im Blickfeld hat, hält abrupt inne und intensiviert sein Bellen. Ich gehe davon aus, dass der Hund weltanschaulich neutral ist, so neutral, wie ein Hund nur irgend sein kann, und er somit nicht die spezielle Ausprägung des seligmachenwollenden Gebimmels bebellt, sondern das Seligmachenwollen an sich. Religion ist Privat­sache und soll auch privat bleiben, denkt sich der Hund, ver­schont mich mit euren Ding-Dong-Exzessen und Frömmigkeits­demonstrationen. Und soweit ich unseren Hund kenne, meint er das ernst mit seiner weltanschaulichen Neutralität. Er würde genauso gegen ein „Allahu akbar“-Gejodle Sturm bellen.

Mich selbst stört das Gebimmel nicht. Ich habe immer in Hörweite einer Kirche gewohnt. Mich rufen die Glocken nicht, mich stören sie aber auch nicht, ich habe mich daran gewöhnt wie an den täglichen Stuhlgang nach dem Aufstehen. Das kommt alles erst wieder ins Bewusstsein, wenn es einmal ausbleibt, obwohl das Ausbleiben wohl ausbleiben wird, denn auch nach zweitausend Jahren mehr oder weniger repressiven und menschenverachtenden Daseins hat die Kirche wohl ebenso wie andere ähnliche und um nichts bessere Institutionen – um beim Vergleich mit dem Stuhlgang zu bleiben – noch lange nicht ausgeschissen. Unverständlicher­weise. Da fällt einem nur Karl Kraus ein, nämlich das mit dem Stiefel und dem Absatz.

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Hornbach

Samstag, 29. August 2020 17:00

Unser Kater Hornbach hat es richtig gemacht: Er hat sich bei dieser Affenhitze unter ein Bankerl gelegt und ist verstorben.

Er war schon ein älterer Herr, zwölf, dreizehn Jahre, nicht unbedingt steinalt, aber nicht mehr ganz jung. Er war ziemlich voluminös, weshalb er sich auch den Beinamen „Wagramwalze“ gefallen lassen musste. Vielleicht hat ja dieser Umstand auch in irgendeiner Weise zu seinem eher früheren als späteren Ableben beigetragen. Auch bei Menschen ist die Lebenserwartung bei Übergewicht um ein paar Jahre geringer, verwunderlich, wenn es bei Feliden so gänzlich anders wäre. Aber wie auch immer, wir hoffen, er hatte bei uns ein schönes Leben. Das unsere hat er bereichert, schon als kleiner Kater, als er ganz geschäftig im Haus herumgewirbelt ist und unter jedem Vorleger nach Beute gesucht hat, die nicht da war. Diesem Verhalten hat er ja auch seinen Namen zu verdanken: Es gibt immer was zu tun.

Was aber diesen Katzer einzigartig machte in der Riege unserer Katzen, deren Anzahl bald Legion ist: Er hat geantwortet, wenn man ihn angesprochen hat. Es bleibt ein ewiges Geheimnis, was er da geantwortet haben mag, denn was kann man schon auf ein mit fast psychotischer Beharrlichkeit repetiertes „Hornbach, Hornbach“ antworten. Aber wahrscheinlich hat er einfach widersprochen, erstens seinem Namen und zweitens aus Prinzip erst recht. Und das macht ihn noch einzigartiger inmitten dieser Welt von Jasagern. Wer immer sich dafür zuständig fühlen möge, habe ihn selig.

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Der Kugelflitz von Fürzelsruh: Wie Königsbrunn zu seinem Namen kam

Montag, 17. August 2020 9:26

Eine Märchengeschichte für Groß und Klein aus dem antiken Königsbrunn

Vor vielen, vielen Jahren hieß Königsbrunn am Wagram eigentlich Fürzelsruh. Einerseits weil es dort noch sehr ruhig war, andererseits weil es dort immer fürzelte. Das war auch der Grund dafür, warum es dort so ruhig war. Es wollte niemand dorthin, weil es immer nach Fürzen roch – meistens nur ganz leicht, aber einmal in der Woche ganz erbärmlich. Nur die Einheimischen konnten es dort aushalten, weil sie den Geruch schon gewohnt waren – zumindest den alltäglichen Geruch. Wenn der Gestank einmal in der Woche bedrohlich anschwoll, war das auch für die härtesten Fürzelsruher eine Herausforderung. Ein findiger Fürzelsruher hat dann den Mund-Nasen-Schutz mit Laven­delgeruchseinlage (MuNaSchuLa) erfunden, den konnte man sich dann einfach umschnallen, wenn der Gestank zu aufdringlich wurde. Dann roch es rundherum herrlich nach Lavendel. Nur beim Essen und Trinken war dieser MuNaSchuLa etwas hinderlich. Ein weiterer findiger Fürzelsruher hat die Erfindung daher verbessert: Mund-Nasen-Schutz mit Lavendelgeruchseinlage und Ver­sor­gungs­zu­fuhr­öff­nungen (MuNaSchuLaVeZufÖ). Hier gab es dann das kleine und das große Modell: das kleine Modell hatte nur eine Öffnung für einen Strohhalm, sodass man zumindest mit dem Mund-Nasenschutz trinken konnte. Das große Modell hatte eine Klappe vor der Klappe, die konnte man öffnen und halbe Stelzen in den Mund schieben. Das kleine Modell war aber viel gefragter als das große. Die Fürzelsruher waren ja leidenschaftliche Weintrinker, und deshalb erfand ein dritter findiger Fürzelsruher – es muss wohl ein Winzer gewesen sein – das „Fürzelsruher Weinfasten“: Einmal in der Woche, dem Tag des Großen Gestankes, verzichteten die Fürzelsruher auf die Aufnahme fester Nahrung und ernährten sich ausschließlich flüssig, nämlich vom heimischen Wein, den der Wagram, ein mächtiger Gebirgszug, an dem Fürzelsruh lag, reichlich zu bieten hatte. Man konnte dann während des ganzen Tags des Großen Gestankes den Mund bedeckt halten und sich davor schützen und sich trotzdem dabei lustig ernähren.

Aber irgendwann war es den Fürzelsruhern dann doch ein wenig zu langweilig, so ganz ohne Besucher. Und sie konnten den ganzen Wein, der in Fürzelsruh gemacht wurde, ja auch unmöglich selbst trinken, und auch all die vielen Früchte von den Obstbäumen, das Getreide, das Gemüse von den Feldern konnten sie nicht selbst essen. Deshalb beschlossen sie eines Tages, dem Ge­ruch nach­zu­gehen. Irgendetwas oder irgendjemand musste doch dafür verantwortlich sein. Die Bürgermeisterin, Tina Tacheles – ja, ja, die Fürzelsruher waren damals eigentlich sehr modern, sie hatten schon eine Frau Bürgermeisterin – sollte eine kleine Expedition ausrüsten, und dann sollte man in der näheren und weiteren Umgebung endlich einmal nach der Ursache des Geruches forschen.

Die wichtigste Aufgabe der Frau Bürgermeisterin war nun, geeignete Teilnehmer dieser Expedition zu bestimmen. Es ist ja nicht so, dass bei einer solchen Expedition jeder mitmachen kann, nur weil er gerade möchte. Man muss schon etwas Besonderes können, um dabeisein zu dürfen. Der faule Ferdl zum Beispiel, der den ganzen Tag nur in den Weingärten herumlag, kam dafür überhaupt nicht in Frage. Auch die gatschende Gretl, die tagein, tagaus beim Fenster herausschaute und jeden, der vorüberging, mit ihrer kreischenden Stimme anquatschte, war für so ein Unternehmen nicht geeignet.

Aber Tina Tacheles, die Bürgermeisterin von Fürzelsruh, hatte schon einige Mitbürger und Mitbürgerinnen für diese wichtige Expedition ausersehen. Die Leitung sollte Zacharias Zuzler übernehmen. Der hatte zwar einen kleinen Sprachfehler, war aber blitzgescheit (nur weil man ein bisschen anders spricht als der Rest der Welt, heißt das ja noch lange nicht, dass man einen Huscher haben muss). Um den Schutz der Expeditionsteilnehmer sollte sich Wolfram Walzflach kümmern. Der war zwar nicht so gescheit, dafür aber groß und stark – so einen kann man immer gebrauchen, wenn man nicht genau weiß, ob man vielleicht in eine gefährliche Situation kommt. Und da es bei einer solchen Forschungsreise immer etwas zu bauen oder zu reparieren gibt, musste natürlich auch Leo Laudanum mitkommen, der konnte aus einem Schraubenzieher eine Jausenstation basteln – vorausgesetzt, er hatte einen zweiten Schraubenziehr dabei. Und weil wir gerade bei der Jausenstation sind: die tollste Jausenstation ist lediglich Dekoration, wenn sie keiner bedient. Deshalb sollte auch Resi Rührum dabei sein, die für die Verpflegung sorgen sollte. Die war zwar ein bisschen hantig, und einige Fürzelsruher hatten sie angeblich schon dabei beobachtet, wie sie mit ihrem eigenen Schatten streitet, ihre Kochkünste waren aber unbestritten, und solange sie ihre Galle nicht in das Essen versprühte, war alles in Ordnung.

Die Mannschaft war also vollständig, und die Expedition konnte sich auf den Weg machen. Da aber in Fürzelsruh jeder Furz gefeiert wurde (nur nicht die, die ständig die Luft verpesteten), musste es natürlich ein kleines Fest geben, das die Fürzelsruher Freiwillige Feuerwehr veranstaltete. Dort wurde der legendäre Schmollbraten mit Feuersauce serviert, und die Expeditionsteilnehmer konnten sich noch einmal den Bauch so richtig vollschlagen, bevor es in die Wagramer Wildnis ging. Zum Abschied spielte die Musikkapelle der Feuerwehr noch ein kleines Ständchen, und am nächsten Morgen ging es los.

Die Expedition startete schon um vier Uhr früh, man wollte auch die frühen Morgenstunden ausnutzen. Nach dem Fest am Vortag waren aber nicht alle richtig ausgeschlafen, deshalb beschloss man, um fünf Uhr eine kleine Pause einzulegen. Man wollte eigentlich nur ein bisschen nachdenken, so für eine halbe Stunde. Aber es war eine laaaaaange halbe Stunde, die dauerte bis mittags, erst dann wachten alle wieder auf. Zacharias Zuzler, der Expeditionsleiter, war etwas verärgert, dass der halbe Tag verschlafen war, da er aber schlau war, beschloss er, jetzt nicht aufzubrechen, sondern gleich die Mittagspause anzuschließen. Resi Rührum grantelte zwar ein bisschen herum, da sie das aber sowieso gemacht hätte, schenkte dem niemand Aufmerksamkeit, und alle stellten sich auf das Mittagessen ein. Resi verschwand fluchend in die angrenzende Wiese, erschien – noch immer fluchend – wieder mit einer Handvoll frischer Pflänzchen und zauberte im Handumdrehen köstliche Kräutertschalapinken. Alle schlemmerten und schmatzten und schlugen sich den Bauch voll. Danach konnte sich aber leider niemand mehr bewegen, und ein Mittagsschläfchen musste daher einstimmig beschlossen werden. Sogleich fielen alle in den Schlaf, und es wurde um die Wette geschnarcht. Als die Mittagspause dann vorüber war, war aber leider auch schon der Tag vorüber. Die Sichel des zunehmenden Mondes stand schon am Himmel, und wozu sollte man jetzt noch herumirren in der Gegend, wenn schon alles dunkel war. Morgen war ja auch noch ein Tag. Also blieb man an Ort und Stelle, machte die Augen zu und schnarchte weiter.

Am nächsten Morgen waren die wackeren Expeditionsteilnehmer noch keine fünfhundert Meter von Fürzelsruh entfernt. Zacharias Zuzler war als erster wach und wieder einmal nicht sehr erfreut über den sehr mäßigen Erfolg der Expedition. In seinem kleinen schwarzen Heftchen mit Zieselledereinband notierte er sich die verschiedensten Ausreden, warum die Expedition noch immer nicht weiter gekommen war. Dann weckte er Resi Rührum, die grummelnd und keppelnd aufstand und ein Frühstück zubereitete. Als dann endlich alle wach waren und gefrühstückt hatten, wollte man dann endlich wirklich aufbrechen.

Man streifte über Wiesen und durch Wälder, alle schnüffelten und machten ihre Nase lang wie ein Igel auf der Futtersuche, aber man schien der Quelle des Furzgeruches nicht näher zu kommen. Nach einem längeren Marsch, kam man zu einem dichten, fast undurchdringlichen Wald. Da der Furzgeruch intensiver zu werden schien, musste dahinter wohl irgendetwas sein. Aber wie sollte man da durchkommen? „Kein Problem“, meinte Wolfram Walzflach und verschwand auch schon unter lautem Krachen im Wald. Hinter sich ließ er einen Trampelpfad, auf dem die Mannschaft bequem durch den Wald gelangen konnte.

Hinter dem Wald war eine Wiese, und am anderen Ende der Wiese sah man einen Hang, in dem sich eine Öffnung auftat. Das musste so etwas wie der Eingang zu einer Höhle sein. Vielleicht verbarg sich ja dort drinnen das Geheimnis des Furzgerüche. Die Mannschaft näherte sich dem Höhleneingang, und tatsächlich, je näher sie kam, desto intensiver wurde der Fürzelgeruch. Alle setzten sich zur Sicherheit den MuNaSchuLa auf, bevor sie die Höhle betraten.

Keine zwanzig Schritte vom Eingang entfernt war das Ufer eines Sees erkennbar, dessen Wasseroberfläche sich im Dunkel der Höhle verlor. Aus solchen Höhlenseen entstanden dann später die sogenannten Wasserkeller, die im heutigen Königsbrunn so verbreitet sind. Da hier nichts als Wasser, Wasser und nochmals Wasser zu sehen war, musste des Rätsels Lösung wohl hier in diesem See zu finden sein. Alle starrten noch gebannt auf die Wasseroberfläche, als sie sich plötzlich zu bewegen begann. Zuerst schlug sie nur ganz sanfte Wellen, dann wurde die Wasserbewegung immer heftiger, und plötzlich tauchte eine riesige Kugel mit grünen Schuppen auf. Die Fürzelsruher erschraken und wollten schon flüchten, da erinnerte sie Zacharias Zuzler an die wichtige Aufgabe, die ihnen die Bürgermeisterin und übertragen hatte, da könne man doch nicht einfach weglaufen. Aber falls es jemandem an Mut fehle, gebe es ein Zaubermittel: man müsse nur singen, aus voller Kehle singen. Es sei nicht so wichtig, richtig zu singen, es müsse nur laut sein. In der Eile hatte er dann auch noch ein kleines Kampfliedchen (Mutlied) komponiert. Dieses kleine Lied sangen nun alle aus voller Kehle, zuerst ganz leise, dann immer lauter, und je lauter sie sangen, desto mutiger wurden sie. Das Liedchen ging so:

Alle Fürzelsruher schauen auf den See, schauen auf den See,

eine grüne Kugel steigt dort in die Höh.

Alle traten nun plötzlich wieder an das Ufer des Höhlensees heran und wollten die grüne Kugel näher betrachten. Da sahen sie, dass diese Kugel Augen hatte, und eine kleine Nase und offenbar auch einen Mund, aus dem drei einsame Zähne hervorlugten. Als sie so mutig und neugierig um diese grüne Kugel herumstanden, öffnete sie plötzlich ihren Mund. Es sah so aus, als wollte sie zu sprechen beginnen, und es waren auch ein paar Laute zu vernehmen, die aber niemand verstand. Jetzt war das Geschick von Leo Laudanum gefragt, der flugs ein Übersetzungsgerät baute.

„Ich bin der Kugelflitz“, tönte aus dem Übersetzungsgerät. „Ich heiße so, weil ich wie eine Kugel ausschaue und richtig flitzen kann. Früher bin ich durch die Weinberge geflitzt, jetzt muss ich durchs Wasser flitzen – pfui!“

„Wieso musst Du durchs Wasser flitzen? Du kannst doch einfach verschwinden?“, fragte Zacharias Zuzler, noch ganz zaghaft.

„Nein, kann ich nicht!“, jammerte der Kugelflitz. „Ich hab es mir nicht ausgesucht, hier zu hausen. Ich würde viel lieber im Wein schwimmen. Aber ich bin dazu verdammt, bis in alle Ewigkeit hier zu verbringen – und nur, weil mich die Mordthalhexe verwünscht hat.“

„Die Mordthalhexe? Wieso hat sie dich verwünscht?“, fragte Zacharias Zuzler, der nun jegliche Angst abgelegt zu haben schien.

Der Kugelflitz seufzte einmal ganz lange und erbarmungswürdig und setzte offenbar an, sein Schicksal zu erzählen. Dabei kam ihm aber wieder einmal ein Furz aus, und alle waren froh, dass sie ihre MuNaSchuLa aufhatten, denn der Geruch war trotzdem deutlich zu vernehmen.

„Aaaalso, es war so:“, begann der Kugelflitz seine Schilderung. „Es war zu Zeiten, als noch die Mammuts hier durch die Gegend donnerten. Nebenbei: ihr könnt euch nicht vorstellen, wie die erst gefurzt haben. Da hätte euch euer Fetzen vor dem Gesicht auch nicht geholfen, dagegen sind meine Furze ein Lercherlschas! – Aber das ist eine andere Geschichte… Also wie war das damals mit der Mordthalhexe? Ach ja, wir waren an einem schönen Sommernachmittag bei der Mordthalhexe eingeladen, im Mordthal natürlich, der Rübenwoswos und ich, zu einem Spielenachmittag. Der Rübenwoswos war übrigens ein komischer Kauz. Er hat sich fast nur von Zuckerrüben ernährt – und er hat fast jeden Satz mit den Worten ‚Wos, wos?‘ begonnen. Er hat sich nämlich sehr oft in Gespräche eingemischt, die ihn gar nichts angingen. Wo war ich stehengeblieben? Ah, der Spielenachmittag im Mordthal… Zuerst haben wir Mammumía gespielt. Das ist eigentlich ein ziemlich fades Spiel, weil man da nur so rumsitzen und Mammutknochen ordnen muss, deshalb wollte ich dann Rebenrennen spielen. Da muss man sich so richtig bewegen. Mit meiner Flitzerei bin ich da natürlich ein bisschen im Vorteil. Man sucht sich einen Weingarten aus und muss dann durch alle Rebzeilen flitzen. Ich hätte da ja sicher gewonnen und hätte den Weingarten in Bestzeit hinter mich gebracht. Aber die Mordthalhexe hat gehext, sie hat sich einfach von Rebzeile zu Rebzeile gehext und hatte deshalb die Bestzeit. Sie hat sich aber überhaupt nicht bewegt, höchstens ihr Hexenbesen hat sich bewegt. Als sie sich dann als Siegerin aufgespielt hat, habe ich heftig widersprochen und gesagt, dass ich der wirkliche Sieger bin. Wir haben dann noch eine Weile herumgestritten, der Rübenwoswos ist nur daneben gestanden und hat meistens gekichert und ‚Wos, wos?‘ gesagt. Ich hab dann vor lauter Ärger einen riesigen Furz in Richtung Mordthalhexe gelassen – und der hat mordthalmäßig gestunken. Und da ist sie dann explodiert, die Hexe. Sie hat mich verflucht und in den Höhlensee verbannt, damit ich im Mordthal nie wieder einen fahren lassen kann. Fressen darf ich nur einmal in der Woche, und an diesem Tag muss ich dann eben besonders viel furzen. Und seitdem muss ich hier mein Leben fristen …“

Da wurde plötzlich Resi Rührum hellhörig. Unter ihren Vorfahren war auch die eine oder andere Hexe, was ja bisweilen in ihrer ziemlich charmanten Art zum Ausdruck kam.

„Aber das ist ja gar nicht wahr“, meldete sie sich zu Wort. „Eine Hexe kann nicht ohne Erlösungsmöglichkeit verfluchen. Auch Hexen können sich nicht alles erlauben!“

„Ja, das ist richtig.“, bestätigte der Kugelflitz. „Ich kann diesen Höhlensee hier verlassen und auch wieder jederzeit essen, wenn ich Hunger habe, wenn ein König hier vorbeikommt und aus diesem Höhlensee mindestens zwei Liter trinkt. Aber die Könige sind halt leider rar, und die wenigen, die es gibt, kommen kaum hier vorbei. Und wer in dieser Gegend trinkt auch schon zwei Liter Wasser auf einmal.“

Da lachte Zacharias Zuzler plötzlich laut auf.

„Wir holen den Karl!“, rief er. „Den Karl König aus der Blumentalstraße! Der wird halt dann einmal Wasser anstatt Wein trinken müssen.“

Alle waren hellauf begeistert von der Idee. Man schickte Wolfram Walzflach aus, damit er Karl König sofort hierher holen sollte. Er machte sich sofort auf den Weg und kam nach etwa einer Stunde mit Karl König auf den Schultern wieder angaloppiert. Der meckerte und gestikulierte wild herum, aber Wolfram Walzflach hatte ihn fest im Griff, sodass er nicht entfliehen konnte. Als man ihm dann sagte, warum er hier sei und dass er dabei helfen könnte, endlich den Gestank aus Fürzelsruh zu vertreiben, war auch er plötzlich an der sehr Sache interessiert. Immerhin konnte er dann den Wein ohne störenden Hintergrundgeruch genießen.

Nun ging es ans Werk. Karl König kniete sich am Ufer des Höhlensees nieder und schnupperte zuerst einmal am Wasser. Da das Wasser ausnahmsweise nicht fürzelte wie sonst alles rundherum, schöpfte er mit den zum Trinkbecher geformten Händen Schluck um Schluck aus dem See und vergaß, dass er sonst fast mehr Wein als Wasser trank. Er trank und trank und trank und konnte fast gar nicht mehr aufhören. Da hob plötzlich ein Heulen an, an- und abschwellend, wie eine Alarmsirene, der Kugelflitz begann zu zittern und die Augen zu verdrehen, und plötzlich hüpfte er aus dem Wasser und begann zu lachen.

„Endlich, endlich kann ich diesen See wieder verlassen und essen, wann ich möchte! Liebe Fürzelsruher – ich verdanke euch meine neue Freiheit, ihr dürft euch dafür etwas wünschen, und wenn ich euch diesen Wunsch erfüllen kann, dann werde ich das tun!“

„Da hätten wir schon eine Idee.“, meinte Zacharias Zuzler, „Verschone uns bitte in Zukunft mit deinen Furzgerüchen! Wäre das machbar?“

„Wenns weiter nichts ist – diesen Wunsch kann ich euch mit Leichtigkeit erfüllen. Da ich ja jetzt endlich hingehen kann, wo ich möchte, werde ich euch jetzt verlassen. Und ich werde euch immer in guter Erinnerung halten für das, was ihr für mich getan habt.“

Der Kugelflitz flitzte ein paar Meter ins Freie, in die Weingärten, dann drehte er sich noch einmal um und winkte, und dann flitze er endgültig aus dem Blickfeld, in Richtung Donau.

Und tatsächlich war mit dem Kugelflitz auch der Furzgeruch aus der Fürzelsruher Luft verschwunden. Die Fürzelsruher brauchten keinen MuNaSchuLa mehr und konnten jederzeit gefahrlos einen tiefen Atemzug machen. Der Gestank ging, und die Leute kamen (das ist ja nicht immer so, oft kommt ja der Gestank ebenso wie der Lärm mit den Leuten). Fürzelsruh war nicht mehr so einsam wie bisher, von rundherum kamen nun Leute, die sich für die hervorragenden Weine interessierten und übernachteten sogar im Ort. Da nun aber der Name „Fürzelsruh“ nicht mehr passend für den Ort war, beschloss der Gemeinderat, den Ort zu Ehren des Retters Karl König umzubenennen. Man war sich zuerst über den neuen Namen des Ortes nicht einig. Einige schlugen „Karlsfurz“ vor, das war aber komplett daneben, dann kamen noch „Königstrink“ und „Karlswasser“ als Vorschläge. Letztendlich einigte man sich auf „Königsbrunn“, und der Brunnen oder See, aus dem Karl König damals getrunken hat, ist noch heute als Wasserkeller zu besichtigen.

Der Kugelflitz aber hatte mittlerweile Tulln erreicht, und seitdem stinkt es dort, besonders zur Zeit der Zuckerrübenernte, weil Zuckerrüben zur Lieblingsspeise des Kugeflitzes gehören und er da besonders heftig furzen muss.

 

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Hier sitz ich … (Tag 22 d. C.)

Montag, 6. April 2020 17:09

Hier sitz‘ ich, ans Haus fast gefesselt
Und denk‘ über Sterblichkeit nach.
Das Virus hat uns eingekesselt,
Die Heurigen fall’n alle flach.

Ich lenke den Schritt in den Keller,
Auf dass ich nicht trübsinnig werd‘.
Es werden die Schritte bald schneller:
Die Zukunft liegt unter der Erd‘.

Hier warten vom Wagram die Weine,
Geschützt wohl vor Wetter und Wind,
Die feuchten mir meine Gebeine,
Solang‘ noch nicht fleischlos sie sind.

Und hat auch kein Heuriger offen,
So bleibet doch Bacchus nicht stumm:
Er singt mich gemächlich besoffen,
Und ich sinke virenfrei um.

 

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